Ungarn: Hochschulreform lässt Studierendenzahlen dramatisch sinken

22.3.2013

Innerhalb von nur zwei Jahren ist die Zahl der Studierenden an ungarischen Hochschulen um 46.000 gesunken. Beobachter sehen hierin bereits Auswirkungen der Reformen der Orbán-Regierung, die die Hürden für die Aufnahme eines Studiums für viele Studierendengruppen deutlich erhöht haben. Umstrittenste Neuregelung: Die Studierenden müssen sich vertraglich verpflichten, im Anschluss an das Studium das Doppelte ihrer Studienzeit in Ungarn zu arbeiten. Ansonsten müssen sie die gesamten Kosten ihres Studiums auf einmal zurückzahlen. Mit der Rechtmäßigkeit der Regelung beschäftigt sich auch die EU-Kommission.

2011 studierten noch rund 141.000 Personen an Ungarns Hochschulen, ein Jahr später waren es nur noch 110.000. Für das Jahr 2013 wird auf Grundlage der vorliegenden Anmeldungen erwartet, dass die Zahl der Studierenden weiter auf 95.000 sinkt.

Beobachter halten die Hochschulreformen der Regierung von Viktor Orbán für eine zentrale Ursache des dramatischen Rückgangs der Studierendenzahlen. Infolge der Reformen wurden die staatlich finanzierten Studienplätze zurückgefahren. Staatlich finanziert werden sollen nur noch solche Studiengänge, die „nationalwirtschaftlich“ als „nützlich“ eingestuft werden. Deutlich zurückgefahren wurde auch die Autonomie der Hochschulen zugunsten stärkerer Eingriffsmöglichkeiten des Staates. Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch unklare Auswahlkriterien bei den nationalen Aufnahmetests.

Besonders umstritten ist die Regelung zu den sogenannten Studienverträgen: In ihnen verpflichten sich Studierende staatlich finanzierter Studiengänge, im Anschluss an ihr Studium das Doppelte ihrer Studienzeit in Ungarn zu arbeiten. Tun sie dies nicht, müssen sie die Gesamtkosten ihres Studiums auf einmal zurückzahlen. Die Regelung hat bereits die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Sie prüft, ob ein Verstoß gegen das europäische Recht auf Freizügigkeit vorliegt. Der neue Bildungsstaatssekretär, István Klinghammer von Orbáns Fidesz-Partei, hat mittlerweile vorgeschlagen, die geforderte Beschäftigungsdauer zu halbieren. Darüber hinaus sollen Studienkredite künftig zu „bevorzugten Zinssätzen“ vergeben werden. Kritiker hatten der Regierung vorgeworfen, hochschulische Bildung zum Privileg einer Elite werden zu lassen.

Gegen die Reformen hatte es anhaltenden Widerstand von Studierenden und Hochschulvertreter(inne)n gegeben. Sie befürchten desaströse Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Es droht ein Brain drain: Viele Studienanwärter(innen) entscheiden sich angesichts der Situation gleich für ein Studium im Ausland. Und die Lage auf dem ungarischen Arbeitsmarkt lässt es zumindest ungewiss erscheinen, ob sie nach dem Studium in ihr Land zurückkehren. (tm)

Quelle: Pester Lloyd

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